Tobi Naumann

“Never grow up” – ein vielschichtiges Release

Verfasst am 30. Mai 2013 von Tobi Naumann
Im Frühsommer 2012 produzierten 3 meiner Freunde und Label-Kollegen und ich unter dem gerade entstandenen Namen “Ding mit Knöppen” ein sehr vielversprechendes Lied. Die eingängigen Piano-Melodien mit Ohrwurm-Charakter, die progressive Rhythmik und der aktuelle Trend elektronischer Musik waren gute Voraussetzungen, um das Lied als potentiellen Sommerhit herauszubringen. Die erforderliche Vorarbeit für eine halbwegs erfolgreiche bzw. medienwirksame Veröffentlichung ließ uns jedoch nur die Option, diese auf 2013 zu verschieben.

Das “Never grow up”-Release

Als junges, unbekanntes Web-Label, das “4te Etage Records” bisher ist, war es maßgeblich ein möglichst hochwertiges, umfangreiches Release zu produzieren und die größtmögliche Aufmerksamkeit dafür zu generieren. Es sollte also neben guten Remixen von diversen Künstlern, ein ausgefallenes und auffälliges Cover sowie ein passender Video-Clip mit viralem Potenzial entstehen. Zum Launch des Releases sollte eine Premieren-/Release-Party mit Video-Premiere, Gratis-CDs und Promo-Artikeln und allen Künstlern im Programm stattfinden.

Das Cover

Schon kurz nach dem Arbeitstitel “Song 1″ hatte Label-Kollegin Kathrin Koch dem Kind auf Grund der verspielten leichtfüßigen Melodik den Namen “Never grow up!” gegeben, der genau dieses Gefühl für uns treffend rüber brachte. Schritt 2 war nun aus diesem Namen ein passendes, einprägsames und universell verständliches Cover zu gestalten. Ich versuchte es mit verspielten Grafiken, Kindermal- und -zeichensets und recherchierte klassische Kindergeschichten und Märchen. Der Protagonist Peter Pan aus der gleichnamigen Geschichte war mir zwar zunächst zu naheliegend, erwies sich aber später als gerade richtig für mein Bildkonzept. In der Geschichte weigert sich Pan vehement dagegen, erwachsen zu werden, obwohl die anderen Hauptfiguren im Handlungsverlauf zur Einsicht kommen, dass dies zum leben dazu gehört. Statt mich beim Cover an den bekannten Zeichentrick oder Filmfiguren zu orientieren und womöglich in Copyright-Probleme zu rudern, zeichnete ich inspiriert von der jüngsten Peter Pan Verfilmung einen androgynen Pan, der die bekannte, frontale Fingerhaltung des Uncle Sam Recruitment-Plakates des amerikanischen Militärs hat. Die Aussage “Never grow up!” wird so über das Bildmotiv noch stärker zur Befehlsform und spricht den Betrachter unmissverständlich direkt an. Das gesamte Cover ist mit Fine-Linern gezeichnet, Pan selbst ist darüber hinaus mit Wachsmalkreiden koloriert. Der Hintergrund ist in schwarz-weiß gehalten und zeigt links ein obskures Baumhaus in einer fantastischen Landschaft und rechts kubische, minimale Konstruktionen mit kippender Perspektive, die teilweise bemalt oder zu Spielobjekten umfunktioniert wurden.

Never-grow-up-cover

Der Text

Zu jeder MP3-Veröffentlichung auf den MP3-Portalen im Netz gehört je ein kurzer Beschreibungstext. Der Inhalt dieser Texte variiert von Genre- und Stilzuordnungen über die Aufzählung bekannter DJs, die das Lied spielen, bis hin zu Gedichten, Kochrezepten oder Absurditäten. Hier nun ein kleiner Einblick in die Textentwicklung. Version 1 wurde von verschiedenen Stimmen aus dem Label abgelehnt, da sie zu emotional/situativ und zu sehr in Superlativen formuliert ist, wodurch sie nur einen kleinen, speziellen Typ adressiert. Version 2 ist etwas distanzierter, aber gerade durch die satirische Darstellung im TV-Werbung-Beauty-Produkt-Stil für jedermann verständlich und zugänglich.

Version 1

Bitte in die Sonne an den Strand gehen, laut aufdrehen, mit Freunden umgeben, dein Lieblingsgetränk auf ex trinken, eine Wasserrutsche rutschen, in Lebensmittelfarbe landen, jemanden verliebt küssen, mit ausgestreckten Armen Trampolin hüpfen, fremde Menschen zum Tanzen animieren und umarmen, nackt ausziehen, so laut schreien wie du kannst und von einem Felsen ins kühle Meer springen. Wenn du dir das vorstellst und dein Herz überwältigt aus deiner Brust springen will, fühlst du Freiheit, Liebe und Erfüllung – „Never grow up!“ Sei wer du immer sein wolltest, sei wer du schon immer warst.

Endversion (Version 2)

Erlebe jetzt die erste Anti-Aging-Revolution in der Musikindustrie. Die Fachpresse spricht vom Benjamin-Button-Effekt. Nach jahrelanger Forschung haben die 4 Spezialisten von Ding mit Knöppen nun endlich den entscheidenden Durchbruch geschafft. Durch die einzigartige Kraft der Peter-Pan-Formel erleben Zuhörer eine nie dagewesene Wirkung. 9 von 10 Testpersonen fühlten sich bereits nach 2 Minuten „Never Grow Up!“-Beschallung spürbar jünger. Überzeuge dich jetzt selbst und verwandle deine Stereoanlage in einen revitalisierenden Beauty Salon.
Never Grow up! – Jung fühlen ohne Nebenwirkung.

Das Video

Zirka 6 Wochen vor der offiziellen Release-Party inklusive Premiere des Videoclips, wurde es ernst. In mehreren Anläufen näherte ich mich langsam einem Konzept für den Videoclip. Etwa 4 Wochen vor der Party stand ein grobes Drehbuch zum Thema “Never grow up!”. Ich organisierte ein professionelles Kamerateam mit Lichttechnik, ein Maskenteam, entwickelte Kostüme und Maske für die 6 Hauptpersonen, gewann Haupt und Nebendarsteller, recherchierte Drehorte und organisierte die Drehtage. Aufgrund schlechten Wetters wurde kurzfristig umdisponiert, ein neuer Drehort gefunden und gerichtet, das Skript wurde kurzerhand angepasst für Innenaufnahmen. Aus geplanten 1-2 Drehtagen an einem Wochenende wurden 2,5 Drehtage mit verschiedener Besetzung und insgesamt 6 verschiedenen Drehorten. Anschließend kümmerte ich mich um die Postproduktion. 3-4 Stunden Rohmaterial verarbeitete ich auf den Takt des Liedes geschnitten in die finale Story. Frame für Frame animierte ich an einigen Stellen kindlich gezeichnete Geräte in das bestehende Material. Mit simplen Maskierungen arbeitete ich mit Tricktechniken, wie man sie vielleicht aus frühen Stummfilmen kennt. Zirka 30 Minuten vor Partybeginn hatte ich zitternd die auf DVD gebrannte Version unseres Videoclips in den Händen. Man kann dabei wirklich von einer Low Budget Produktion sprechen, denn dank der freiwilligen Mitarbeit und Unterstützung vieler Freunde mit teils professioneller Ausbildung und Ausstattung haben sich unsere Kosten auf ein paar Baumarkt-Materialien, etwas Schminke, ein paar Kästen Getränke, 2 Pizzen und eine DVD beschränkt.

Und hier ist das Ergebnis: